Wenn Schnelligkeit täuscht und warum kluge Entscheidungen eine kurze Pause brauchen
Autorin: Prof. Dr. Eugenia Schmitt – Professorin, Autorin, Coach, Co-Founder Trenz Institut | Trenz Institut
Haben Sie schon einmal „aus dem Bauch heraus“ und unter hohem Zeitdruck entschieden und sich später gefragt, ob es wirklich Ihre Erfahrung war oder einfach nur Eile?
Vieles in der Führungsrealität spricht scheinbar für die Intuition: Wer seit Jahren in einem Feld arbeitet, entwickelt einen Erfahrungsschatz, der sich in schnellen, oft sehr treffsicheren Urteilen niederschlägt. Die Heuristikforschung spricht in diesem Zusammenhang von „Fast and Frugal Heuristics“. Das sind einfache Entscheidungsregeln, die in stabilen, gut bekannten Umwelten erstaunlich gut funktionieren.
Die Falle der automatischen Reaktion
Neurokognitionsmodelle und die Arbeit von Daniel Kahneman (2011) weisen darauf hin, dass Menschen unter Zeitdruck anders reagieren: sie machen systematisch mehr Fehler. Der Grund lieg darin, dass wir verstärkt auf automatische, unreflektierte Reaktionsmuster (bekannt als System 1) zurückgreifen.
Das ist nicht per se schlecht. Es wird aber dann problematisch, wenn sich die Umwelt radikal ändert und unsere eingeübten Muster nicht mehr passen.
Genau das passiert im Zusammenspiel mit Künstlicher Intelligenz (KI):
- Die Informationslage wird komplexer.
- Das Tempo wird höher.
- Die Datenlogik ist oft intransparent (Black Box).
- Die Konsequenzen einer Entscheidung sind schwerer absehbar.
Die KI verbessert im Durchschnitt zwar die Leistung, aber Menschen neigen immer wieder dazu, korrekte eigene Einschätzungen zugunsten falscher KI-Empfehlungen zu korrigieren. (Rosbach et al., 2024)
Der sogenannte Automation Bias nimmt zu. Das ist die menschliche Tendenz, eigene Urteile zugunsten automatisierter Vorschläge zu ignorieren oder zu korrigieren, selbst wenn das System Fehler macht oder unvollständig ist. Wir vertrauen der scheinbar „objektiven“ KI-Empfehlung blind, selbst wenn unser Bauchgefühl uns warnt. Das passiert insbesondere dann, wenn Zeitdruck hoch, die Information komplex ist und die Führungskraft annimmt, das System habe „schon für sie gedacht“. (RAND Corporation Report, 2024)
Die Intuition bleibt also wichtig. Aber sie ist im KI-Zeitalter nicht mehr automatisch deckungsgleich mit einer „guten Entscheidung“, weil sich der Kontext fundamental verschoben hat. Hier kommt die Pause ins Spiel.
Die Pause: Intentional Interruption als Risikomanagement
Das Wort Pause ist hier nicht als Wellness-Ritual zu verstehen, sondern als Intentional Interruption, also eine bewusste Unterbrechung. Führungskräfte benötigen unter Komplexität diese Phasen, um von der reinen Intuition zur reflektierten Entscheidung zu gelangen.
Wir benötigen eine metakognitive Schleife zwischen:
- Spontaner Intuition (automatisches Denken / System 1 nach Kahnemann)
- Endgültiger Entscheidung (reflektiertes Denken / System 2 nach Kahnemann)
Empirische Belege aus Medizin und Radiologie
In einer experimentellen Studie zur KI-Unterstützung in der Pathologie (Rosbach et al., 2024) wurde der Automation Bias bestätigt: In rund 7 % der Fälle verwarfen Expert:innen ihre korrekten Einschätzungen zugunsten falscher KI-Vorschläge. Unter Zeitdruck wurde dieser Effekt folgenreicher, weil die Plausibilitätsprüfung des KI-Widerspruchs weniger gründlich erfolgte.
Ähnlich zeigt eine Radiologie-Studie (Agarwal et al., 2024): Mensch-KI-Teams schneiden dann am besten ab, wenn Menschen nicht blind übernehmen, sondern KI-Outputs als Hypothesen behandeln, die sie bewusst mit ihrem Kontextwissen abgleichen.
Genau dafür braucht es den Moment der Verzögerung. Eine kurze, bewusste Unterbrechung, ein Innehalten, in dem wir drei Fragen stellen:
- Was genau schlägt die KI vor?
- Welche Annahmen stecken dahinter – und welche stecken in meinem Bauchgefühl?
- Wo liegen die größten Risiken, wenn ich mich irre?
Solche Unterbrechungen sind Auslöser für bewusstes Denken (Sensemaking nach Weick, 1995). Sie sind damit kein Luxus, sondern eine Form von Risikomanagement.
Sensemaking: Die Führungskompetenz der Zukunft
Die Fähigkeit, Bedeutung aus komplexen Situationen herzustellen, bekannt als Sensemaking, wird von Institutionen wie der OECD und den MIT Leadership Labs seit 2023 als eine der zentralen Future Skills ausgewiesen.
Policy Horizons Canada (2023) bestätigt: In einer Welt, in der Datenflut, Desinformation und KI unsere Wahrnehmung verändern, wird es immer schwieriger, „sicher“ zu sein – wichtiger wird, sinnvoll zu interpretieren.
„Organizational readiness for AI depends less on technology and more on individual sensemaking – the capacity to pause, interpret and question.“ (Übellacker 2025)
Die Pause ist damit das Zeitfenster, in dem Sensemaking überhaupt stattfinden kann:
- Ohne Pause: Intuition + KI-Output = schnelle Entscheidung
- Mit Pause: Intuition + KI-Output + Reflexion = bewusstes Urteil
Ein Beispiel, das man im Bauch fühlt
Stellen Sie sich eine Bereichsleiterin vor, die ein KI-gestütztes Tool zur Priorisierung von Projekten nutzt. Die KI stuft ein langfristig wichtiges Nachhaltigkeitsprojekt konsequent niedrig ein – die Modelllogik bevorzugt kurzfristige Umsatzrenditen.
Im Monatsmeeting steht Druck auf der Pipeline. Die KI-Liste wirkt „objektiv“, die Zeit ist knapp. Intuitiv spürt die Leiterin: „Dieses Projekt ist strategisch wichtig.“
Ohne Pause geht sie mit der KI-Liste.
Mit Pause stellt sie im Team drei Fragen:
- Welche Kriterien optimiert das Modell eigentlich?
- Welche Ziele haben wir darüber hinaus – z. B. Reputation, regulatorische Risiken, Talente binden?
- Welche Projekte würden wir bereuen, wenn wir sie jetzt streichen?
Erst dadurch wird sichtbar: Die KI bildet nur einen Ausschnitt der Strategielogik ab. Die Entscheidung ändert sich. Die KI war nicht „falsch“, aber unvollständig – und die Pause hat diesen blinden Fleck aufgedeckt.
Kleines Praxis-Framework: Die 90-Sekunden-Pause
Für Führungskräfte, die wenig Zeit haben und zu „Powermenschen“ gehören, hilft ein minimalistisches Ritual – kein großes Meeting, sondern eine 90-Sekunden-Schleife, bevor wichtige KI-gestützte Entscheidungen fixiert werden:
- Stopp – Innehalten (20 Sekunden):
- Was weiß ich wirklich? Woher stammen die Daten? Was fehlt?
- Annahmen visualisieren (30 Sekunden):
- Welche Annahme habe ich automatisch übernommen? Habe ich Informationen, die KI nicht haben kann (Kontextwissen)?
- Risiko-Check (40 Sekunden):
- Welche zwei Dinge könnten schiefgehen? Was wäre das Frühwarnsignal?
Diese Mikro-Pause ist keine Einladung zur endlosen Grübelei. Sie ist ein strukturiertes, kurzes Intervall, das Intuition, Erfahrung und KI-Output besser zusammenbringt.
Die Pause ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist eine bedeutende Führungskompetenz der Zukunft, im Umgang mit der neuen Komplexität. Sehr treffend fassen es Ibarra & Jacobides, 2025 in der HBR zusammen: „The leaders who succeed with AI are those who slow down when the system speeds up“.
Quellenverzeichnis
- Agarwal, N. et al. (2024). Combining Human Expertise with Artificial Intelligence: Experimental Evidence from Radiology. MIT / NBER Working Paper.
- Göndöcs, D. (2025). Uncovering the Dynamics of Human–AI Hybrid Performance: A Review of Empirical AI Studies 2018–2024. Decision Support Systems.
- Kahneman, D. (2011). Thinking, Fast and Slow. (Theoretisches Fundament des dualen Prozessmodells).
- Policy Horizons Canada (2023). Sense-making Futures: Changes in How We Think, Act and Behave. Government of Canada.
- RAND Corporation – Warren, K. (2025). Improving Sense-Making with Artificial Intelligence. Research Report RRA3152-1.
- Rosbach, E. et al. (2024). Automation Bias in AI-Assisted Medical Decision-Making under Time Pressure in Computational Pathology. arXiv:2411.00998.
- Roche, M. (2014). Mindfulness, leadership and complexity. Leadership & Organization Development Journal.
- Übellacker, T. (2025). Making Sense of AI Limitations: How Individual Perceptions Shape Organizational Readiness for AI Adoption. arXiv:2502.15870.
- Weick, K. (1995). Sensemaking in Organizations. Sage.
Autorin

Prof. Dr. Eugenia Schmitt, MBR
Prof. Dr. Eugenia Schmitt ist Professorin an der Fresenius Hochschule in München und an der University of Sustainability in Wien. Sie ist Studiengangsleiterin für Wirtschaftspsychologie und Business Development & Digital Innovation, und lehrt zudem Betriebswirtschaft und Finanzmanagement. Mit ihrem Forschungs- und beruflichen Hintergrund in Mathematik, Finanz- und Risikomanagement verbindet sie wissenschaftliche Tiefe mit einem ausgeprägten Praxisfokus. Als mehrfach zertifizierter systemischer Coach bringt sie zudem eine fundierte Expertise in Führung, Persönlichkeitsentwicklung und der wirksamen Begleitung von Veränderungsprozessen ein.
Als Co-Founder des Trenz Instituts beschäftigt sie sich insbesondere mit der Frage, wie Führungskräfte und Organisationen in einer von KI, Unsicherheit und hohem Veränderungsdruck geprägten Arbeitswelt handlungs- und entscheidungsfähig bleiben.
Als Autorin von Fachbüchern und zahlreichen wissenschaftlichen Arbeiten verbindet sie für das Trenz Institut aktuelle Forschung mit konkreten Fragen der Führungspraxis – von KI und Entscheidungsfindung über Resilienz bis hin zur Gestaltung von Organisationen, in denen Mensch und Technologie verantwortungsvoll zusammenarbeiten.
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